
Totalumbau
Auch zum Schutz der Nordsee
Christian Bühler, wie ist die Wasserqualität der Limmat?
Sehr gut.
Die Berufsfischer vom Brienzersee reklamieren, die Fangerträge seien zurückgegangen und die Felchen kleinwüchsig, weil das Seewasser zu sauber sei. Wann gehen die Limmatfischer auf die Barrikaden?
Die Fische sind nicht wegen des sauberen Wassers zu klein, sondern weil sie zu wenig Nahrung finden. Das sind die Folgen der Eutrophierung in den 1970er und 1980er Jahren: Wegen der Überdüngung der Schweizer Gewässer sind einige Krebsarten, Larven und Einzeller ausgestorben. Diese Kleintiere fehlen in der Nahrungskette.
Das Schweizer Gewässerschutzgesetz zählt zu den strengsten in Europa ...
... und hat seinen Ursprung übrigens bei den Fischern. Bevor der Bund begann, nationale Richtlinien zu definieren, galten die kantonalen Regelungen des Schweizerischen Fischerei-Verbandes. Die Fischer waren und sind eine treibende Kraft beim Gewässerschutz, das ist ihnen hoch anzurechnen.
Seit über 30 Jahren bekämpfen Bund und Kantone die Gewässerverschmutzung, mit Erfolg: Unsere Gewässer sind sauber. Warum musste Limeco trotzdem die Abwasserreinigungsanlage modernisieren?
Einerseits wegen des Bevölkerungswachstums und der Zunahme der Industrie im Limmattal, andererseits weil die Grenzwerte und Einleitbedingungen in den vergangenen Jahren stetig verschärft worden sind. Wir rüsteten die Anlage aber nicht nur zum Schutz der heimischen Fauna und Flora auf, sondern auch zum Schutz der Nordsee. Das macht Sinn, denn auf dem langen Weg ins Meer steigt die Schadstoffkonzentration im Flusswasser zwangsläufig an. Wir sind
ja nicht die einzige Abwasserreinigungsanlage entlang der Limmat und des Rheins, die gereinigtes Abwasser einleitet.
Mit welchen Folgen für die Nordsee?
Das Abwasser enthält Stickstoff, einen Pflanzennährstoff. Befindet sichzu viel davon in Gewässern, kann das ökologische Gleichgewicht kippen. Anders ausgedrückt: Aus jedem Kilo Stickstoff, das die ARA in Dietikon verlässt, wächst in der Nordsee eine Tonne Algen. In Küstenregionen ist die Algenblüte ein ernst zu nehmendes Problem. Darum hat die Schweiz zusammen mit anderen Staaten ein Übereinkommen zum Schutz von Rhein und Nordsee unterzeichnet. Wichtigste Massnahme ist die Stickstoffreduktion im gereinigten Abwasser.
Der Stickstoffabbau heisst in der Fachsprache Denitrifikation und ist ein Teil der biologischen Reinigung. Hier wendet Limeco ein anderes Verfahren an als die meisten Schweizer Abwasserreinigungsanlagen.
Stimmt. Die meisten Schweizer Abwasserreinigungsanlagen setzen das Belebtschlammverfahren ein. Die Mikroorganismen, die die organischen Stoffe abbauen, leben im Schlamm, der von Rührwerken aufgewirbelt und im Becken verteilt wird. Limeco hingegen verwendet neu die Festbettbiologie. Unsere Mikroben besiedeln fix installierte Kunststoffwaben. Indem das Abwasser sie umströmt, kommen sie mit den Schmutzstoffen in Kontakt.
Belebtschlamm gilt als bewährtes Verfahren, warum dieser Systemwechsel?
Für das Belebtschlammverfahren braucht es grosse Becken. Unsere Landfläche ist beschränkt, weil die Abwasserreinigungsanlage in einem Natur- und Vogelschutzgebiet von nationaler Bedeutung liegt. Mehr Reinigungsleistung erreichen wir nur, wenn wir in die Höhe statt in die Breite bauen. Unsere Becken für die biologische Reinigung sind tief, schmal und mit einem Trägersystem aus Kunststoffwaben bestückt, so vergrössern wir die Oberfläche und damit die Kontaktfläche. Das System ist sehr effizient. Wir reinigen das Abwasser innert vier Stunden, fast doppelt so schnell wie andere Anlagen.
Sie haben die Reinigungsleistung erhöht, die hydraulische Kapazität aber hat sich kaum verändert: Die Anlage ist nach wie vor auf 110 000 Einwohnerwerte ausgelegt. Doch schon heute leben und arbeiten 120'000 Menschen im Limmattal – und Fachleute gehen von 160 000 in 20 Jahren aus.
Beim Umbau haben wir das Bevölkerungswachstum stets im Auge behalten. Eine unabhängige Studie bestätigt uns, dass wir noch bis auf 160 000 Einwohnerwerte ausbauen und somit jährlich 20 Millionen Kubikmeter Abwasser bewältigen könnten. Zum Vergleich: Vergangenes Jahr flossen 11,4 Millionen Kubikmeter durch die Anlage.
Mit anderen Worten: Bald müssen wieder Bagger auffahren?
Nein, denn wir sprachen von privatem Abwasser. Das haben wir gut im Griff, es bereitet uns keine Probleme. Unsere Herausforderung ist das gewerbliche Abwasser. Es ist stärker verschmutzt und transportiert mehr Frachten. Relevant sind für uns Fragen wie diese: Wie entwickelt sich der Wirtschaftsraum Limmattal? Halten sich alle Unternehmen an die Einleitbestimmungen? Und behandeln Betriebe ihr Prozessabwasser vor?
Die Lösung heisst aktive Schmutzfrachtbewirtschaftung?
Wir haben von unseren Trägergemeinden den Auftrag erhalten, für Industrie und Gewerbe das Verursacherprinzip einzuführen: Wer Wasser stark verschmutzt, soll die Reinigung selbst bezahlen. Wir arbeiten mit einer Lenkungsabgabe, sie ist gewissermassen der Gebührensack fürs Abwasser und soll Anreiz sein, stark belastetes Abwasser vorzubehandeln. So sparen die Unternehmen Geld.
Sie appellieren dabei an die Eigenverantwortung: Ein Unternehmen soll seine Schmutzfrachten selbst deklarieren. Hand aufs Herz, in wirtschaftlich anspruchsvollen Zeiten animiert das doch zum Schummeln ...
Wir haben eine moderne, genaue Messtechnik zur Hand und arbeiten mit verlässlichen Bilanzierungen. Schon im Zulauf analysieren wir das Abwasser, messen unsere Frachten und erkennen Spitzenbelastungen in Echtzeit. Häufen sich diese, nehmen wir die Spur im Kanalisationsnetz auf. Wir durften feststellen, dass die Unternehmen im Limmattal ein hohes Umweltbewusstsein haben und gut mit uns kooperieren.
Apropos Technik: Die neue Anlage holt zwar Stickstoff, Phosphor und Kohlenstoff aus dem Abwasser, aber schädliche Mikroverunreinigungen wie Hormone rauschen noch immer ungefiltert durch die Anlage.
Zurzeit testen das Bundesamt für Umwelt und die Eidgenössische Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz zwei Verfahren, um Mikroverunreinigungen zu eliminieren: Filtration mit Aktivkohle oder Ozonung des Abwassers. Die gute Nachricht: Die ersten Tests sind vielversprechend. Die schlechte: Die Ozonung ist energieintensiv und erhöht
den Stromverbrauch einer Abwasserreinigungsanlage um bis zu 30 Prozent. Schon jetzt gehören Abwasserreinigungsanlagen zu den grössten Energiefressern in einer Gemeinde. Wir setzen uns intensiv mit dem Thema auseinander und haben bereits eine Machbarkeitsstudie durchgeführt. Wenn die Zeit reif und das Verfahren besser erprobt ist, sind wir bereit für die Reduzierung der Mikroverunreinigung.
Wo liegen die Schwierigkeiten?
Es gibt noch keine Betriebserfahrung in einer Grossanlage. Trotzdem wage ich die Behauptung: Mikroverunreinigungen lassen sich zukünftig gut aus dem Abwasser entfernen. Viel schwieriger sind verlässliche Messungen. Die Spurenstoffe sind nur in geringsten Konzentrationen im Abwasser vorhanden. Selbst moderne Online-Messgeräte können sie nicht erfassen. Eine praktizierte Methode ist das Sezieren von Fischen. Für uns ist das natürlich keine Lösung, wir sind weder eine Zuchtstation noch ein Metzgerbetrieb – vom moralischen Gesichtspunkt ganz abgesehen. Deshalb betreiben wir nebenbei ein bisschen Forschung.
Das heisst?
Wir testen das Biomonitoring mit Gammariden, nur Millimeter grossen Flohkrebsen. Sie leben in einer Kapsel, in die wir das Wasser aus dem Ablauf leiten. Ist es mit Mikroverunreinigungen belastet, zeigen die Tierchen deutliche Anzeichen von Stress. Sie werden unruhig und wollen fliehen. Aufgrund ihres Verhaltens können wir Rückschlüsse auf die Art der Spurenstoffe ziehen, also ob es sich zum Beispiel um hormonaktive Substanzen handelt, Rückstände von Medikamenten oder Kontrastmittel aus dem Spital. Wir vergleichen die Daten aus dem Biomonitoring mit den konventionellen Messungen und versuchen, Zusammenhänge zu erkennen. Weltweit sind wir die einzige kommunale Abwasserreinigungsanlage, die diesen experimentellen Weg einschlägt.
Das ist nicht die einzige Innovation: Seit kurzem heizen Sie mit der Wärme des Abwassers einen ganzen Stadtteil in Dietikon.
Das Limmattaler Abwasser ist eine erneuerbare Energiequelle. Wärmetauscher und Wärmepumpen wandeln die Wärme des Wassers in Heizenergie um. So lassen sich im Endausbau jährlich ungefähr eine Million Liter Heizöl einsparen. Positiver Nebeneffekt: Das gereinigte Abwasser, das wir in die Limmat einleiten, ist kühler und heizt das Flusswasser weniger stark auf. Auch das kommt der Natur zugute.
Die Energie liesse sich bereits in der Kanalisation entziehen, so könnte die Wärme schon in den Trägergemeinden genutzt werden.
Technisch ist das machbar. Allerdings würden wir uns neue Probleme schaffen. Denn je tiefer die Abwassertemperatur ist, desto schlechter ist die Reinigungsleistung der Mikroorganismen in der biologischen Reinigung. Deshalb zapfen wir die Wärme erst nach der Reinigung ab. Wir wollen unseren Mikroben ein angenehmes Umfeld bieten, in dem sie sich wohl fühlen.
Sie sprechen von den Mikroorganismen wie andere Menschen von ihren Haustieren ...
Sie sind unsere Haustiere! Und sie leisten eine wertvolle Arbeit, weil sie das Wasser entgiften und den Stickstoff abbauen. Die Mikroorganismen haben ähnliche Bedürfnisse wie eine Hauskatze: Sie wollen frische Luft, genügend Wärme, etwas Feines zu essen und einen Ort, wo sie es sich bequem machen können.
Katzen holt man im Tierheim oder im Zoofachgeschäft, woher stammen Ihre Tierchen?
Aus dem Belebtschlamm einer anderen Schweizer Abwasserreinigungsanlage, mit dem wir unser Abwasser geimpft haben. Anders verhält es sich mit den Mikroorganismen, die wir für die Behandlung des Zentratwassers aus der Schlammentwässerung brauchen. Weil es ein patentiertes Verfahren ist, müssen wir den Schlamm samt Biomasse einkaufen – so wie Sie eine Lizenz für eine bestimmte Computersoftware lösen müssen.
Im Gespräch mit Ihnen hört man heraus, dass Sie mächtig stolz sind auf die neue Anlage ...
Hier im Antoniloch ist etwas Einmaliges entstanden. Die neue Anlage überzeugt mit inneren und mit äusseren Werten. Sie ist kein Fremdkörper, obwohl sie in einem Natur- und Vogelschutzgebiet steht. Wir haben einen Weg gefunden, im Einklang mit der Natur zu arbeiten. Die auffällige Steinkorbfassade des Biologiegebäudes bietet Lebensraum für Insekten, Reptilien, Vögel und Fledermäuse. Auf dem Dach haben wir einen Regenwasserteich mit Pflanzen rundherum angelegt. Kernbohrungen verbinden das Dach und die Fassade, damit sich die Tiere frei bewegen können, und in die Mauern sind Nistkästen für seltene Vogelarten integriert. Lange Rede, kurzer Sinn: Stimmt, ich bin sehr stolz!
Wie winzige Organismen das grosse Meer schützen
Die Schweiz unterstützt mehrere internationale Abkommen zur Entlastung von Nordostatlantik, Nordsee und Rhein. Mit dem Ziel, die Küstenregionen zu schützen und Ökosysteme zu schonen, ist die wichtigste Massnahme die Reduktion von Stickstoffverbindungen, also der Abbau von Nitrat, Nitrit und Ammonium im Abwasser.
Mit 2500 Kubikmeter Wasser pro Sekunde ist der Rhein der grösste Zufluss der Nordsee. Der Strom, der im Lai da Tuma in den Bündner Bergen entspringt, zählt zu den verkehrsreichsten Wasserstrassen der Welt. In ihn münden Dutzende von Flüssen, die gereinigtes Abwasser mit sich führen: Maas, Mosel, Main oder die Aare, der wasserreichste Nebenfluss des Rheins.
Via Aare speist die Limmat den Rhein. Sie ist die Schlagader des Limmattals und beliebtes Naherholungsgebiet für die Zürcher und die Aargauer Bevölkerung. Neben den acht Trägergemeinden von Limeco (110 000 Einwohnerwerte) leiten auch andere Städte gereinigtes Abwasser in die Limmat: Zürich (670 000), Baden (80 000), Killwangen (25 000) und Untersiggenthal (12 500). Total sind es über 100 Millionen Kubikmeter Abwasser sind es pro Jahr.
An der Limmat in Dietikon liegt das Antoniloch, ein Reservat mit wilder Auenlandschaft und Vogelschutzgebiet von nationaler Bedeutung. Flachmoor und Bruchwald sind Lebensraum und Brutgebiet von Eisvögeln, grossen Rohrdommeln, Graureihern und Kolbenenten. Mittendrin in der grünen Oase steht die Abwasserreinigungsanlage von Limeco.
Herzstück der neuen ARA im Antoniloch ist das Gebäude für die biologische Reinigung. Der Weiher auf dem Flachdach und die markante Steinkorbfassade nehmen den Charakter der Umgebung auf und bieten neuen Lebensraum für Moos und Flechten sowie Insekten, Reptilien, Vögel und Fledermäuse.
Die Stars der biologischen Reinigung sind winzige Organismen wie Bakterien, Amöben, Wimper-, Pantoffel- und Glockentierchen, die zu Millionen in den Innenbecken des Biologiegebäudes leben. Indem sie Kohlenstoffverbindungen und gelöste organische Stoffe abbauen, reinigen und entgiften sie das Limmattaler Abwasser – zum Schutz der Nordsee.



